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Pavor Nocturnus: Was ist der berüchtigte Nachtschreck?

Eine akute oder chronische Schlafstörung ist in der Gesellschaft extrem weit verbreitet – nach repräsentativen Studien im Auftrag von Krankenkassen gaben im Jahr 2017 rund 80 Prozent der Erwerbstätigen an, schlecht und nicht ausreichend zu schlafen. Der Pavor Nocturnus oder auf Deutsch die „nächtliche Angst“, der oft mit dem älteren Begriff Nachtschreck bezeichnet wird, stellt eine spezielle Form einer sogenannten Parasomnie dar. Durch ihn tritt im Schlaf eine scheinbar unerklärliche Panikattacke auf, die von den Betroffenen allerdings nicht oder lediglich sehr eingeschränkt wahrgenommen wird. Oft ist der Pavor Nocturnus die Ursache für eine hohe Beunruhigung durch Angehörige, doch glücklicherweise sehen durch ihn hervorgerufene nächtliche Angstattacken meist viel bedrohlicher aus, als sie es in Wahrheit sind. Solange der Nachtschreck nicht bei Erwachsenen, einem erst wenige Monate alten Baby oder stark gehäuft mehrfach in einer Woche auftritt, besteht kein Anlass für eine ernsthafte Besorgnis.

Welche unterschiedlichen Arten von Schlafstörung gibt es?

Die Medizin und Wissenschaft teilen Schlafstörungen nach ihren Symptomen in verschiedene Kategorien ein:

  • Die Insomnien verhindern, dass Menschen erholsam ein- oder durchschlafen
  • Bei der Schlafapnoe kommt es zu Aussetzern des Atmens im Tiefschlaf
  • Von der zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörung sind oft Schichtarbeiter betroffen. Sie beruht darauf, dass die „innere Uhr“ erheblich und dauerhaft von der tatsächlichen Tageszeit abweicht
  • Die Hypersomnie oder Schlafsucht kennzeichnet eine spontane Müdigkeit und kurzfristige Schlafanfälle, durch die Betroffene etwa bei der Narkolepsie innerhalb von Sekunden in unbequemer Körperhaltung, teilweise sogar im Stehen oder während einer Tätigkeit, fest einschlafen können
  • Zu der Parasomnie zählen alle auffallenden und unerwünschten Verhaltensmerkmale und -weisen, die im Schlaf auftreten und die Nachtruhe beeinträchtigen oder sogar die eigene oder fremde Gesundheit gefährden können.
Mann im Bett, wirkt erschrocken - Pavor Nocturnus
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Der Pavor Nocturnus fällt in die letzte Kategorie, in die ebenfalls andere bekannte Auffälligkeiten wie zum Beispiel Bewegungen inklusive Schlafwandeln (Somnambulismus) oder das Restless-Leg-Syndrom (RLS), das Sprechen, häufig wiederkehrende Albträume, psychologisch bedingtes Bettnässen (Enuresis) oder teilweise extrem gefährliche Erscheinungen wie der plötzliche Kindstod oder nicht beabsichtigte und unbewusst durchgeführte Gewaltausbrüche eingeordnet werden.

Zum Glück zählt der Nachtschreck anders als andere Schlafprobleme allerdings nicht als eine schwere, gefährliche oder direkt behandlungsbedürftige Parasomnie – das größte Risiko dieser Schlafprobleme besteht in der Gefahr einer (Selbst-)Verletzung durch einen Unfall, wenn sie gemeinsam mit anderen Symptomen wie dem Schlafwandeln auftritt.

Mädchen schlafwandelt
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Was sind die Kennzeichen von Pavor Nocturnus?

In der Regel setzt der Nachtschreck etwa 10 Minuten bis spätestens zwei, drei Stunden nach dem Einschlafen im Bett ein und entsteht zu Beginn der Nachtruhe während der ersten Non-REM-Phase. Die Betroffenen erwachen scheinbar spontan, befinden sich jedoch zumindest teilweise weiterhin im Tiefschlaf. Sie zeigen eine intensive Angst bis hin zu Panik, die sich in Schreien, Weinen oder mitunter starker, nicht zielgerichteter Wut äußert. Auch der Körper weist die entsprechenden Symptome auf: weit geöffnete Augen, heftiger Herzschlag, erheblich beschleunigter Puls, schnelles Atmen und sichtbare Schweißausbrüche im Gesicht oder am ganzen Leib.

Mann schreit in der Nacht - Pavor Nocturnus
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Obwohl sie äußerlich wach erscheinen, mitunter zusammenhangslos oder unverständlich sprechen und begrenzt auf ihre Umgebung reagieren können, wirken Personen bei Nachtschreck stark verwirrt, desorientiert und erkennen selbst nahestehende Familienangehörige nicht wieder. Anwesenden fällt es sehr schwer oder es ist unmöglich, sie aufzuwecken oder mit ihnen verbal oder körperlich zu kommunizieren, um sie zu beruhigen. Nach wenigen Minuten bis zu einer Viertelstunde erwachen die Menschen schließlich schlagartig aus dem Nachtschreck wie bei einem Albtraum und zeigen sich meist verwundert, wenn sie nach ihrem Verhalten gefragt werden. Anschließend schlafen sie rasch wieder ein und erinnern sich am nächsten Morgen lediglich in Ausnahmen an den Vorfall.

Nachtschreck: meist nur im Kleinkindalter

Der Nachtschreck wiederholt sich in unregelmäßigen zeitlichen Abständen ohne erkennbares Muster oder einen konkreten Anlass. Anhand von einigen Merkmalen lässt er sich relativ eindeutig von einer anderen Parasomnie unterscheiden: Charakteristisch ist zunächst einmal der frühe Zeitpunkt im ersten Drittel der Nacht, während ähnliche Schlafprobleme wie zum Beispiel schwere, wiederkehrende Albträume üblicherweise erst in der zweiten Hälfte der Schlafphase zu beobachten sind. Darüber hinaus erscheinen Betroffene währenddessen auf den ersten Blick wach und haben die Augen weit geöffnet, verhalten sich jedoch extrem desorientiert wie in einem Traum.

Junges Mädchen schaut verschreckt Richtung Licht - Pavor Nocturnus
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Der wichtigste Hinweis auf Schlafprobleme durch Pavor Nocturnus stellt jedoch das Alter dar: Bis auf wenige Ausnahmen tritt der Nachtschreck bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren auf, praktisch nie bei einem Baby mit weniger als 12 Monaten. Lediglich selten ist er bei schulpflichtigen Kindern zu beobachten und der Nachtschreck bei Erwachsenen gilt als höchst selten und unwahrscheinlich, obwohl er in wenigen Fällen chronisch werden kann und sich entsprechende nächtliche Angstattacken dann bis in die späte Jugend fortsetzen.

Pavor Nocturnus: Welche Ursache hat er?

Oft fällt es schwer, einen eindeutigen Auslöser für eine Schlafstörung zu ermitteln: Liegen keine traumatischen Erfahrungen oder konkrete organische Erkrankungen vor, scheinen sie aus dem Nichts zu entstehen. Bei dem Nachtschreck handelt es sich nach aktuellen medizinischen Erkenntnissen um eine Kombination aus einer genetischen Vorbelastung und einem Phänomen, das im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gehirns steht. Im Unterschied zu anderen Arten der Parasomnie, die ebenfalls bei Erwachsenen auftreten, resultiert der Pavor Nocturnus weitgehend aus einer noch nicht ausreichend ausgebildeten Trennung der einzelnen Schlafphasen. Wie Eltern aus eigener, oft leidvoller Erfahrung wissen, schlafen Säuglinge noch lange, aber vollständig unstrukturiert. Erst ab dem zweiten Lebensjahr bilden sich unterschiedliche Phasen wie REM, Leicht- und Tiefschlaf sowie der mehrfache Übergang zwischen ihnen für einen dauerhaften Schlafzyklus über mehrere Stunden fest heraus.

Frau im Schlaflabor - Pavor Nocturnus
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Bei einem Nachtschreck wechselt ein Kind rasch und unvermittelt vom Tiefschlaf in einen Leichtschlaf oder eine kurze Wachphase, ohne dabei ebenfalls mental aufzuwachen. Daraus entsteht eine Überregung der Nerven und Sinne, die sich durch eine scheinbar extreme Angst äußert. Dies erklärt ebenfalls, warum der Nachtschreck bei Kindern in einem bestimmten Entwicklungsstadium auftritt, fast niemals jedoch bei einem Baby oder Erwachsenen einsetzt. Es bedeutet ebenfalls, dass es sich in dieser Altersgruppe um ein gewöhnliches und relativ weitverbreitetes Phänomen handelt und nicht um eine krankhafte Erscheinung oder psychische Störung, die eine medizinische Behandlung erforderlich machen würde. Unterschiedliche Umfragen ergeben, dass etwa zwischen einem Viertel und der Hälfte aller (Klein-)Kinder unabhängig vom Geschlecht mehrfach einen Nachtschreck durchleben. Auf die nächtliche Erholung oder die Schlaf- und Lebensqualität wirkt er sich jedoch in der Regel nicht aus. Normalerweise steht hinter dem Auftreten von Pavor Nocturnus deshalb keine Ursache, die auf eine ernsthafte Krankheit hindeutet.

Mutter küsst Kind vor dem Schlafengehen
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Wie sollten Beobachter bei einem Nachtschreck reagieren?

Ein Nachtschreck bei Kindern im entsprechenden Alter bedeutet keine ernsthafte Schlafstörung, sondern kann als Zeichen einer normalen Entwicklung interpretiert werden. Beobachter sollten sich bei ihm ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall verhalten: Lässt sich der Betroffene nach einem kurzen Versuch weder direkt ansprechen noch durch körperliche Berührung trösten oder beruhigen, liegt die wesentliche Aufgabe darin, die Umgebung so zu gestalten, dass er sich durch spontane Bewegungen nicht selbst verletzen kann, wie zum Beispiel beim Stoßen am Nachttisch.

Bett mit Nachttischen
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Obwohl es speziell Eltern oft schwerfällt, nicht eingreifen zu können: Durch Pavor Nocturnus hervorgerufene nächtliche Angstattacken gehen fast ausnahmslos spurlos und ohne Erinnerungen daran vorüber. Eine behandlungsbedürftige Parasomnie bilden sie lediglich dann, wenn sie regelmäßig außerhalb des üblichen Alters von etwa zwei bis acht Jahren auftreten oder ein Kind am nächsten Tag erkennbar unter den Folgen leidet. Normalerweise trifft der „Nachtschreck“ im wortwörtlichen Sinne deshalb weniger die Personen, die diese vermeintliche Panikattacke durchleben, sondern vielmehr überraschte Eltern, die sie weitgehend passiv und hilflos beobachten müssen.